Organspenden sind ein hoch sensibles Thema. Ein Mensch ist gestorben und hat zu seinen Lebzeiten bestimmt , seine Organe zu spenden, damit andere (über) leben können. Auch deshalb ist Organspende eine so verantwortungsvolle Aufgabe. Die Abläufe sind klar gesetzlich geregelt, die Organentnahme muss sehr sorgfältig vorbereitet, durchgeführt und dokumentiert werden. Dazu gehört zuallererst die Feststellung des Hirntods, also der unumkehrbare Ausfall aller Hirnfunktionen. Eine Aufgabe an der Grenze zwischen Leben und Tod. Hierfür am UKJ verantwortlich zeichnet der Transplantationsbeauftragte Dr. Albrecht Günther, Facharzt für Neurologie und neurologische Intensivmedizin.
Was ist Ihre Aufgabe als Transplantationsbeauftragter?
Dr. Günther: Zunächst möchte ich sagen: Ich bin nicht alleine als Transplantationsbeauftragter. Wir arbeiten als interdisziplinäres Team zusammen, Intensivmediziner, Neurologen, Kinderärzte, Psychologen, Pflegekräfte. Organspende ist immer eine gemeinsame Leistung, von der Erkennung eines möglichen Hirntods zur definitiven Feststellung über die Gespräche mit den Angehörigen bis zum Abschluss der Organspende. Meine konkrete Aufgabe ist es, Patienten zu erkennen, die so fatale Schädigungen am Gehirn erlitten haben, dass sie voraussichtlich daran sterben werden. Es bahnt sich sozusagen eine Hirntoddiagnostik an. Und daran schließt sich die Frage an: Kommt bei Hirntodfeststellung eventuell auch eine Organspende infrage?
Denn eine Organspende setzt immer die Diagnose des Hirntods voraus. Was ist daran besonders?
Dr. Günther: Der Hirntod ist eine sehr seltene und sehr spezielle medizinische Angelegenheit. Kleinere Krankenhäuser erleben eine Hirntoddiagnostik vielleicht nur einmal alle paar Jahre. Daher ist es auch so wichtig, das Personal in Krankenhäusern zu schulen, sowohl die Ärzte als auch die Pflegekräfte. Es ist ein kontinuierlicher Fortbildungsprozess. Zum einen wollen und sollten wir keinen Patienten übersehen, der Organspender werden könnte. Zum anderen darf es keinen falsch positiven Befund „Hirntod“ geben.
Wie stellen Sie das sicher?
Dr. Günther: Für die Diagnose Hirntod sind die Richtlinien in Deutschland extrem strikt und klar geregelt, erst kürzlich wurden sie in ihrer fünften Fassung aktualisiert. Die diagnostische Sicherheit beruht immer auf der Grundlage des aktuellen medizinischwissenschaftlichen Erkenntnisstands. Das heißt im Umkehrschluss: Besteht eine Unsicherheit, gibt es auch nicht die Diagnose Hirntod und damit auch keine Organspende. Zudem arbeiten wir im Nachgang mit den Kollegen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) alle Fälle auf, bei denen ein Mensch an einer Hirnschädigung im Krankenhaus gestorben ist, aber nicht als Organspender fungiert hat. Ziel ist es, Wege zu finden, wie es besser geht.
Welche zum Beispiel?
Dr. Günther: Auch das ist ein Aspekt meiner Tätigkeit als Transplantationsbeauftragter: Abläufe im Klinikum zu standardisieren und Schemata zu etablieren. Das bedeutet kontinuierliche Kommunikation mit allen Kliniken, die in den Organspendeprozess involviert sind, und gezielte Weiterbildungen durchzuführen. Mit Seminaren versuche ich außerdem, angehende Mediziner frühestmöglich mit der Thematik zu konfrontieren und eine Brücke zu bauen zwischen dem Erkennen potentieller Hirntodfälle und der intensivmedizinischen Behandlung: Welche Fallstricke gibt es? Wie ist die Gesprächsführung mit Angehörigen?
Was sagen Sie Menschen, die den Hirntod bezweifeln?
Dr. Günther: Ich versuche, die Angehörigen mitzunehmen. Ich kann sie natürlich verstehen. Vor ihnen liegt ein Mensch, der ist rosig, der fühlt sich warm an, dessen Brustkorb geht auf und ab. Aber: Alles, was an Organfunktionen da ist, ist künstlich. Sobald die Maschinen abgestellt werden, ist es eine Frage von Minuten, bis auch diese Organfunktionen erloschen sind.
Was sind Ihre größten Herausforderungen?
Dr. Günther: Sicherlich Patienten im Kindes- oder gar im Neugeborenenalter. Bei einem Kind den unwiederbringlichen Nachweis des Hirnfunktionsausfalles zu diagnostizieren, nimmt mich immer noch mit. Auch nach all den Jahren. Dann gibt es die Momente, die Hoffnung geben und zeigen, dass unsere Arbeit sinnstiftend ist. Einige Zeit nach der Feststellung desHirntods eines Neugeborenen haben wir erfahren, dass das Herz dieses Kindes einem Säugling in Norwegen erfolgreich transplantiert wurde. Das war sogar die erste Herztransplantation bei einem Baby überhaupt in Norwegen.
Was ist für Sie das Schönste an Ihrer Aufgabe als Transplantationsbeauftragter?
Dr. Günther: Wir sind ein sehr gutes, konstruktives Team und versuchen immer, alle Register zu ziehen: Im Sinne der Patienten, die leider sterben und derer, die hoffentlich von einer Organtransplantation profitieren können.
