Transplantationsmedizin beschäftigt sich mit der Übertragung von Organen von verstorbenen bzw. lebenden Spendern an meist todkranke Menschen. Was macht für Sie den besonderen Reiz der Transplantationsmedizin aus?
Prof. Settmacher: Das ist interdisziplinäre, universitäre Hochleistungsmedizin. Wir müssen zunächst die geeigneten Patienten für die Transplantation auswählen. Einerseits haben wir dann die operativen Seiten – die Transplantation stellt ja eine Operation dar, sowohl die OP beim Spender als auch beim Organempfänger. Nach der Transplantation muss dafür gesorgt werden, dass das Organ vom Empfänger toleriert wird und er nicht irgendwelchen Infektionen ausgesetzt ist. Und die dritte Facette – sie spielt sich direkt rund um die Operation ab – ist natürlich das Management der Organfunktionen und der Organversagen. Oft müssen die Patienten bereits vor der Transplantation auf der Intensivstation betreut werden. Transplantationsmedizin ist also eine sehr komplexe Medizin, die wir interdisziplinär im gesamten Team bewerkstelligen müssen.
Ein paar Zahlen: 45 Transplantationszentren gibt es in Deutschland, eines davon haben wir am UKJ. Es ist das einzige in Thüringen. Laut Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden in 2022 in diesen Zentren insgesamt 2 795 Organe transplantiert. Wie ist diese Zahl einzuordnen?
Prof. Settmacher: Rund 10 000 Patienten stehen in Deutschland inzwischen auf der Warteliste für ein neues Organ. Da sind 2 795 pro Jahr nicht viel. Die anhaltende Knappheit an Spenderorganen ist auch in Deutschland nach wie vor dramatisch.
Wächst der Bedarf an Organen weiter? Stichwort alternde Bevölkerung. Bei rückläufiger Spendenbereitschaft hieße das ja rein mathematisch, die Wartelisten werden immer länger?
Prof. Settmacher: Ja, die Wartezeit auf ein Organ ist sehr lang. Auf eine Niere warten die Patienten inzwischen etwa sieben bis zehn Jahre. Die Organangebote erfolgen meist nach Dringlichkeit. Je kranker ein Patient, umso schneller bekommt er ein Organ. Aber es gibt Patienten, die warten und sind noch zu Hause. Sie haben oft gar keine Chance, ein Spenderangebot zu bekommen.
Gibt es eigentlich auch Zahlen, wie viele Menschen sterben, weil sie kein Spenderorgan bekommen haben?
Prof. Settmacher: Ja. Für die Lebertransplantation kann ich es sogar ziemlich genau sagen: Ende des Jahres standen hier deutschlandweit etwa 2 200 Menschen auf der Warteliste. Von der Warteliste gehen etwa 1 300 Patienten runter, davon sind etwa 800 transplantiert. Und die anderen gehen runter, weil sie zum Zeitpunkt nicht mehr transplantabel sind. Von denen war die Hälfte „auf der Warteliste verstorben“. Bei uns in Jena war es so, dass wir etwa 200 Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation stehen hatten. Der sogenannte „turn over“ waren etwa 100 Patienten. Diese kamen also von der Warteliste runter. Knapp 60 davon haben wir transplantiert, die anderen 40 waren aus verschiedenen Gründen nicht mehr transplantabel. Von denen sind die meisten während der Wartezeit auf ein passendes Organ verstorben.
Seit 1995 gibt es am UKJ das Lebertransplantationsprogramm. Das Zentrum ist in Bezug auf Leberlebendspenden für Erwachsenen das leistungsstärkste in Deutschland. Wird diese Stärke nur allein an den Zahlen gemessen?
Prof. Settmacher: Ein Messfaktor ist sicher die Zahl der Transplantationen. Aber es gehört weit mehr dazu. Was man dazu wissen muss: Das Vorgehen für eine Transplantation mit Lebendspende ist sehr aufwendig. Hier müssen viele Untersuchungen beim Spender zuvor durchgeführt werden. Dieser soll nach der Lebendspende voll einsatzfähig in sein normales Leben zurück entlassen werden. Nicht jeder, der einen Teil seiner Leber oder eine Niere spenden möchte, ist auch geeignet. Wir haben eine Faustregel: drei bis vier potentielle Spender stellen sich vor und bei nur einem davon können wir die OP durchführen. In Deutschland dürfen nur sehr nahe Verwandte oder enge persönliche Freunde spenden. Am Transplantationsgesetz zur Verbesserung der Lebendspende wird aber gerade gearbeitet.
Haben Sie eine Zahl, wie viele Lebertransplantationen hier am UKJ insgesamt über die Jahre durchgeführt wurden? Die 700. war wohl 2013.
Prof. Settmacher: Seit 1995 waren es so um die 1 200. Im letzten Jahr waren es wie gesagt knapp 60.
Was ist aus Ihrer Sicht als Chirurg die besondere Herausforderung einer Lebendspende im Vergleich zur herkömmlichen Organspend?
Prof. Settmacher: Chirurgisch ist das höchst anspruchsvoll. Wir müssen beim Spender ein Organ teilen, und das so, dass dieser mit dem verbleibenden Teil gut weiterleben kann. Und wir müssen sicherstellen, dass die Hälfte, die wir chirurgisch entfernen, für den Empfänger reicht. Das wird im Vorfeld sehr genau berechnet. Dafür gibt es entsprechende Computerprogramme. Und dann ist insgesamt der technische Aufwand, also die rein chirurgische Seite, viel größer, wir haben zwei Operationen gleichzeitig. Insgesamt ist auch viel Mikrochirurgie dabei.
Wenn todkranke Patienten dringend ein neues Organ benötigen, spielt der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle. Sind Teil-Lebern von lebenden Spendern schneller zu bekommen als von Verstorbenen?
Prof. Settmacher: Wir haben schon für sehr schwer kranke Patienten mit Leberversagen eine Lebendspende durchgeführt. Aber wir müssen immer genau schauen, welche Erkrankungen unsere Patienten haben, die transplantiert werden müssen. Ein Patient mit einem akutem Leberversagen zum Beispiel wird als sehr dringlich eingestuft („high urgency“). Für ihn bekommen wir in der Regel innerhalb von 48 Stunden ein Angebot von Eurotransplant. So schnell sind wir in Deutschland mit der Vorbereitung eines Lebendspenders nicht, allein schon aus juristischer Sicht, weil u.a. Aufklärungsfristen usw. eingehalten werden müssen. In anderen Ländern ist das nicht so.
Was ist besser?
Prof. Settmacher: Am Ende immer das, womit man Leben rettet und am besten hilft.
Sie haben mit Kollegen aus Brüssel, Oslo, München und Tübingen ein spektakuläres Verfahren bei der Lebendspende entwickelt, dass Patienten besonders mit Darmkrebsmetastasen in der Leber zu Gute kommt und in zwei Schritten erfolgt.
Prof. Settmacher: Das Verfahren ist sehr gut. Zunächst wird zur Schonung des Spenders ein möglichst kleiner Leberteil entnommen und verpflanzt. Beim Empfänger verbleibt zur Unterstützung der Organfunktion erstmal ein Teil der erkrankten Leber. Jedoch wird die Durchblutung dieses kranken Leberteils gedrosselt, um parallel das Transplantat zum Wachsen anzuregen. Das funktioniert dadurch, dass wir den Blutfluss umleiten. Dieser läuft ja aus dem Darm und der Bauchspeicheldrüse hoch in die Leber und dort teilt er sich auf in einen Ast für die rechte Leber und einen für die linke. Wir drosseln im Prinzip den Ast, der zur kranken Leber läuft. Die transplantierte Teil-Leber bekommt im Gegenzug mehr Blut, um das Wachsen anzuregen. Nach etwa zwei Wochen kann das Transplantat die Leberfunktion komplett übernehmen und die kranke Restleber wird entfernt. Dieses Phänomen kennen wir schon lange in der Leberchirurgie, dadurch vergrößert sich das Organ bzw. wächst schneller.
Wie viele Patienten haben wir mit diesem Verfahren am UKJ schon operieren können?
Prof. Settmacher: 14 Patienten.
Wir als einziges Universitätsklinikum in Thüringen verfügen über das einzige Transplantationszentrum im Freistaat: In welche Richtung geht die Forschung? Was können wir in der Zukunft erwarten?
Prof. Settmacher: Die Transplantationsmedizin bemüht sich mit verschiedenen Ansätzen darum, den Spenderorganmangel zu beseitigen. Künstliche Organe im Labor zu schaffen, ist zum Beispiel eine tolle Idee. Oder die Xenotransplantation, also die Verpflanzung von tierischen Geweben und Organen auf den Menschen, ist immer wieder versucht worden. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis das umsetzbar ist. Und ein dritter Ansatz: Die Regenerative Medizin. Sie ist auch ein sehr spannendes Feld, denken Sie an unser Zwei-Schritt-Verfahren. Ein tolles Forschungsthema, das die Regeneration der Leber betrifft. Wir beobachten das Phänomen derzeit und wenden es erfolgreich an, die Grundlagen sind aber bis in die Tiefe noch nicht verstanden.
Sie sind seit vergangenem Jahr Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft. Worum müssen Sie sich in der Gesellschaft aktuell kümmern?
Prof. Settmacher: Die Gesellschaft kümmert sich um die klinische Tätigkeit und um die Forschung in der Transplantationsmedizin. Wir engagieren uns für die Weiterbildung und um die Gewinnung von jungen Leuten. Die Ausbildung zum Transplantationsmediziner ist umfangreich. Sie braucht Zeit, da die Mediziner zunächst die Facharztweiterbildung absolvieren müssen. Hinzu kommt, dass Transplantation ein Bereich der Medizin ist, der nicht überall stattfindet, derzeit in 45 Zentren. Dort brauchen wir junge, kluge und vor allem interessierte Ärzte. Das sind für die Fachgesellschaft drei sehr wichtige Aufgaben. Wir versuchen Werbung für die Transplantationsmedizin zu machen und natürlich parallel auch für die Organspende. Das gehört für mich untrennbar zusammen. Erwähnen möchte ich natürlich noch die Jahrestagung der DTG, die in diesem Jahr vom 26. bis 28. Oktober in Jena stattfindet. Sie befasst sich kurz gesagt mit drei Schwerpunkten: dem Spenderorganmangel, der Weiterentwicklung der Lebendspende und der Organtransplantation als eine Behandlung bei Krebs.

